S The Strings SocietyAuf den Saiten geschrieben
Immortal · Ein Stück nach dem anderen · No. 1

Beau soir — Ein schöner Abend, und das Meer

David hat das Album selbst angekündigt, und wir wollen ihm nicht ins Wort fallen. Doch in den kommenden Wochen möchten wir Immortal in aller Ruhe durchwandern — ein Stück nach dem anderen, in der Reihenfolge, in der er sie aufgenommen hat. Dies ist das erste Stück.
Stück 01 — Debussys Beau soir, und warum ein Album über Unsterblichkeit mit dem Lied eines Jugendlichen über das Sterben beginnt
Immortal · One Track at a TimeNo. 01Beau soirClaude Debussy

Ein Album namens Immortal hätte mit einem Feuerwerk beginnen können: einem Glanzstück, einem Schlachtross, einem Namen, den jedes Ohr schon kennt. Stattdessen beginnt es mit einem Flüstern. Das erste Stück ist Beau soir — “schöner Abend” — und es stammt von einem Jugendlichen, der nicht ahnen konnte, dass anderthalb Jahrhunderte später noch jemand zuhören würde.

Claude Debussy war noch Student am Pariser Conservatoire, als er es vertonte: eines seiner allerersten erhaltenen Lieder, entstanden um 1877–1880 und heute als CD 84 katalogisiert. Vor dem Mann, der die europäische Musik mit La Mer und Clair de lune neu erfinden sollte, gab es diesen Jungen und dieses kleine, vollkommene Ding — ein Lied für eine Stimme und ein Klavier, auf einem Gedicht von Paul Bourget errichtet.

Das Gedicht ist ein Sommerabend. Die Sonne sinkt, und die Flüsse färben sich rosa; ein warmer Hauch streicht über das Korn; alles Lebendige scheint sich der Freude zuzuneigen und denselben Rat zu flüstern — sei froh, du bist jung, das Licht ist gütig. Und dann, im letzten Atemzug, wendet sich das Gedicht und sagt dir, warum du es sein sollst:

«Car nous nous en allons, / comme s’en va cette onde : / elle à la mer, — nous au tombeau.»
Denn wir gehen dahin, wie diese Welle dahingeht: sie zum Meer — wir zum Grabe.
♪  Read the poem — Paul Bourget, «Beau soir» (1881)

Lorsque au soleil couchant les rivières sont roses,
Et qu’un tiède frisson court sur les champs de blé,
Un conseil d’être heureux semble sortir des choses
Et monter vers le cœur troublé ;

Un conseil de goûter le charme d’être au monde,
Cependant qu’on est jeune et que le soir est beau,
Car nous nous en allons comme s’en va cette onde :
Elle à la mer, — nous au tombeau !

Translations
In English

When, at sunset, the rivers turn to rose,
and a warm shiver runs across the fields of wheat,
a call to be happy seems to rise from all things
and climb toward the troubled heart;

a call to savour the charm of being alive,
while we are young and the evening is fair —
for we pass on, the way this water passes:
it to the sea, — we to the grave.

In italiano

Quando al tramonto i fiumi si fanno rosa,
e un tiepido brivido corre sui campi di grano,
un invito alla felicità sembra salire dalle cose
e giungere al cuore turbato;

un invito a godere l’incanto di essere al mondo,
finché si è giovani e la sera è bella,
perché noi ce ne andiamo come se ne va quest’onda:
essa al mare, — noi alla tomba.

En español

Cuando al ponerse el sol los ríos se vuelven rosados,
y un tibio estremecimiento recorre los campos de trigo,
un consejo de ser feliz parece brotar de las cosas
y elevarse hacia el corazón turbado;

un consejo de gozar el encanto de estar en el mundo,
mientras se es joven y la tarde es hermosa,
porque nos vamos como se va esta onda:
ella al mar, — nosotros a la tumba.

Auf Deutsch

Wenn im Sonnenuntergang die Flüsse sich rosa färben,
und ein lauer Schauer über die Kornfelder läuft,
scheint ein Rat, glücklich zu sein, den Dingen zu entsteigen
und zum bekümmerten Herzen aufzusteigen;

ein Rat, den Zauber des Daseins zu kosten,
solange man jung ist und der Abend schön,
denn wir gehen dahin, wie diese Welle dahingeht:
sie zum Meer, — wir zum Grabe.

Em português

Quando ao pôr do sol os rios se tornam cor-de-rosa,
e um tépido arrepio percorre os campos de trigo,
um convite à felicidade parece erguer-se das coisas
e subir até ao coração perturbado;

um convite a saborear o encanto de estar no mundo,
enquanto se é jovem e a tarde é bela,
pois partimos como parte esta onda:
ela para o mar, — nós para o túmulo.

Das ist das ganze Lied in drei Zeilen. Das Wasser strebt irgendwohin; wir auch; der einzige Unterschied ist das Ziel. Und Debussy — ein Jugendlicher — vertont es nicht als Tragödie, sondern als Zärtlichkeit. Die Musik lockert einfach die Schultern und lässt den Abend verklingen, gleitet aus einem hellen E-Dur in ein beschattetes fis-Moll, so wie das Tageslicht von einer Wand herabgleitet.

Deshalb gehört es ganz an den Anfang eines Albums über das, was bleibt. Immortal beginnt damit, sanft einzugestehen, dass wir es nicht sind. Das Paradox ist der Kern. Die Hand, die Beau soir schrieb, ist seit mehr als hundert Jahren dahin — und die Melodie ist noch da, tut noch immer genau das, wofür sie geschaffen wurde, mit einem Raum. Die Welle erreichte das Meer. Das Lied ging nicht mit dem Jungen ins Grab. Das ist ungefähr das Nächste, was die Kunst der Unsterblichkeit versprechen kann, und Debussy scheint es mit siebzehn gewusst zu haben.

Auf dieser Aufnahme verliert das Lied seine Worte. In Davids Bearbeitung mit Franck van der Heijden — für Violine, Klavier, Gitarre und Orchester — übernimmt die Violine die Linie des Sängers, dort, wo Beau soir insgeheim schon lange leben wollte. Jascha Heifetz übertrug es vor Generationen auf die Violine, und die Geiger haben sich seither geweigert, es wieder herzugeben. Eine so gesangliche Melodie braucht die Worte kaum; Garrett lässt schlicht die Saite atmen.

«Wenn wir über Dinge sprechen, die der Unsterblichkeit nahekommen,» hat David über das Album gesagt, «dann ist es die Kunst, und vor allem die Musik, die die Zeit überdauert.» Ein Jahr lang lebte er in diesen Partituren, und er hätte überall beginnen können. Er begann mit einem schönen Abend, und dem Meer. Wo seine erste Single landet, sieben Stücke später, haben wir bereits geschrieben: Nessun Dorma, die Arie, die ihren Schöpfer überlebte. Von hier aus bleibt die Reihe bei der Aufnahme und zählt weiter.

Immortal — David Garrett für Deutsche Grammophon — erscheint am 9. Oktober 2026: 20 Stücke in der Standardausgabe, 25 in der Deluxe-Edition, digital, auf CD und Vinyl, mit Vorbestellungen ab sofort bei Deutsche Grammophon. Dies ist der erste Beitrag einer Reihe, die das Album einzählt, ein Stück nach dem anderen.

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