S The Strings SocietyAuf den Saiten geschrieben
Immortal · Ein Stück nach dem anderen · No. 3

Der Tanz, der den Tänzer überlebte

Das dritte Stück unserer langsamen Wanderung durch Immortal. Die letzten beiden Komponisten kennst du beim Namen. Diesen hier mit ziemlicher Sicherheit nicht — und genau darum geht es.
Stück 03 — Veracinis Giga: der Barock-Superstar, den die Welt vergaß, und der Tanz, der sich weigerte
Immortal · One Track at a TimeNo. 03GigaFrancesco Maria Veracini

Zu seinen Lebzeiten war er eine Sensation. Säle füllten sich, um seinen Bogenarm zu sehen; rivalisierende Geiger studierten ihn mit etwas, das der Furcht nahekam. Dreihundert Jahre später kannst du dieses Stück wochenlang lieben und nie erfahren, wer es geschrieben hat. Sein Name war Francesco Maria Veracini — und nach jedem Maßstab seiner Zeit war er ein Superstar.

1690 in Florenz geboren, trug er die Violine durch Europa — Venedig, London, Dresden — mit einer Technik, die so brillant war, dass sie die Menschen verstörte. Die besten Spieler jener Zeit maßen sich an ihm und gingen oft erschüttert davon. Es gibt eine berühmte Geschichte über einen von ihnen:

1712 hörte ein junger Giuseppe Tartini Veracini spielen — und war von diesem Bogenarm so erschüttert, dass er schon am nächsten Tag nach Ancona aufbrach, um sich einzuschließen und das Bogenführen von Grund auf neu zu erlernen.

So wirkte er. Doch die Brillanz und das Temperament kamen im selben Paket, und Veracinis war vulkanisch. In Florenz nannte man ihn bald Capo Pazzo — ungefähr ‘der Verrückte’; weniger freundlich ‘der oberste Irre’. Er hatte sich den Namen verdient. Und zwar so:

♪  Die Legende vom «Capo Pazzo»

Dresden, 13. August 1722. Veracini — der gefeierte Solist — wird gedemütigt, als ein Geiger vom letzten Pult, heimlich vom Konzertmeister Pisendel einstudiert, sein Konzert erhält und an seiner Stelle spielt. Veracini schließt sich tagelang in seinem Zimmer ein. Dann stürzt er sich in einem Anfall von Scham und Wut aus einem Fenster der oberen Etage auf die Straße hinab. Er überlebt — mit zertrümmertem Fuß und zertrümmerter Hüfte und einem Hinken, das ihn den Rest seines Lebens begleiten wird. Der Geiger, der jeden Saal zum Schweigen bringen konnte, konnte, wie es scheint, sich selbst nicht zum Schweigen bringen.

Er hinkte die nächsten dreißig Jahre — komponierte weiter, brillierte weiter — und langsam ging die Welt zu anderem über. Als er 1768 in Florenz starb, hatte sich die Mode bereits gewandelt. Die glänzenden Sonaten op. 1, die er 1721 in Dresden veröffentlicht hatte — die Sammlung, aus der dieses Stück stammt — verschwanden still aus dem Repertoire. Der Superstar wurde zur Fußnote.

Und doch. Hör dir das dritte Stück an. Die Giga — der springende Tanz, der die Sonate in A-Dur beschließt — läuft noch immer, springt noch immer, prahlt noch immer genau so, wie sie es tat, als Veracini durch sie hindurchraste, um seine Rivalen zu erschrecken. Der Mann ist seit drei Jahrhunderten dahin. Der Tanz hat nie gehinkt. Er ist nie gealtert. Er blieb schlicht in Bewegung.

Es hat eine Stimmigkeit, dass David sie wiederbelebt — ein extravaganter, Grenzen sprengender Virtuose greift dreihundert Jahre zurück nach einem anderen und erkennt einen Geistesverwandten. In der Bearbeitung von David und Franck van der Heijden — für Violine, Klavier, Gitarre und Orchester — bekommt die Giga ihr Feuer zurück, und Veracini ist, für ein paar Minuten, wieder ein Superstar.

«Die Kunst, und vor allem die Musik, überdauert die Zeit,» sagt David über das Album. Das zweite Stück war eine Melodie, die so berühmt war, dass sie dem Namen ihres Komponisten entwuchs. Das dritte Stück ist das Spiegelbild: ein Komponist, den die Welt vergaß, am Leben gehalten von einem einzigen, unverwüstlichen Tanz. Die Unsterblichkeit, so zeigt sich, erinnert sich nicht immer an deinen Namen — manchmal hält sie einfach die Musik in Bewegung.

Immortal — David Garrett für Deutsche Grammophon — erscheint am 9. Oktober 2026: 20 Stücke in der Standardausgabe, 25 in der Deluxe-Edition, digital, auf CD und Vinyl, mit Vorbestellungen ab sofort bei Deutsche Grammophon. Ein Stück nach dem anderen zählen wir das Album ein.

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