Der Rote Priester und die Mädchen hinter dem Gitter
Als sie erbaut wurde — entworfen von Giorgio Massari, zwischen 1745 und 1760 — war der Komponist bereits seit Jahren tot. Es ist eine jener kleinen, schönen Ironien, von denen die Musikgeschichte voll ist: Der Ort, der am engsten mit seinem Namen verbunden ist, ist einer, den er nie betreten hat.
Um zu verstehen, warum, muss man zurückgehen. Die Kirche steht neben dem Ospedale della Pietà — und das Wort „Hospital“ führt hier in die Irre: Es beherbergte nicht die Kranken, sondern verlassene Kinder, vor allem Mädchen. Venedig hatte vier solcher Einrichtungen — die Pietà, die Mendicanti, die Incurabili und die Derelitti — ungeheuer mächtig, und jede hatte ihr eigenes Orchester.
Neugeborene wurden durch ein Rad in der Mauer abgegeben: ohne Familie, ohne Namen. Die Pietà zog sie groß und lehrte sie Gesang, Instrumente, Musiktheorie. Die besten von ihnen, die figlie di coro, spielten für ein Publikum, das aus Wien, Paris und London anreiste — doch stets verborgen hinter Gittern. Man konnte sie nicht sehen. Man konnte sie nur hören.
1703 kommt ein junger rothaariger Priester an die Pietà. Man wird ihn den Roten Priester nennen. Er ist fünfundzwanzig, seine Aufgabe ist es, Violine zu unterrichten, und er heißt Antonio Vivaldi.
Er beginnt, Musik eigens für diese Mädchen zu schreiben: Er kennt ihre Namen, weiß, welche die schnellste Hand und welche das feinste Ohr hat. In fast vierzig Jahren wird er mehr als fünfhundert Konzerte zu Papier bringen — und Meisterwerke wie das Gloria und das Oratorium Juditha Triumphans, dort geschrieben, für sie.
Doch Vivaldis wahres Erbe ist nicht nur die Schönheit dieser Musik. Es ist eine Form. Das Solokonzert existierte bereits als rohe Idee; bei ihm wird es zu präziser Architektur — eine Stimme gegen alle anderen. Der Solist, der hervortritt, herausfordert, ins Gespräch geht und sich dann wieder ins Ganze fügt. Diese Struktur ist bis heute da — über Bach, Beethoven, Brahms bis hin zum Jazz. Jedes Mal, wenn ein Instrument aus dem Orchester ausbricht und das Wort ergreift, kommt diese Stimme von ihm.
Das Ende seines Lebens jedoch ist bitter. Vivaldi stirbt 1741 in Wien, arm und vergessen. Seine Manuskripte zerstreuen sich, in zwei Hälften geteilt, und verschwinden für fast zwei Jahrhunderte aus dem Umlauf — bis eine Wiederentdeckung in Turin Ende der 1920er-Jahre ihn an seinen Platz unter den meistgespielten Komponisten der Welt zurückbringt.
Eine Kuriosität. Blicken Sie hinauf zur Decke der Pietà-Kirche, zum Fresko von Giambattista Tiepolo (Der Triumph des Glaubens, 1754–1755). Inmitten einer Schar von Engeln, Sängerinnen und Musikern haben jüngste Studien das halbe Gesicht eines rothaarigen Mannes entdeckt: der Einzige, der nicht spielt und nicht singt, den Blick nach unten gewandt, zu uns. Gewissheit gibt es nicht — das Fresko entstand dreizehn Jahre nach seinem Tod — doch es fällt schwer, nicht an Antonio Vivaldi zu denken.
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Und dann ist da David
Springen wir dreihundert Jahre weiter, und jene einzelne Stimme trägt einen Namen, den diese Gemeinschaft auswendig kennt. Was Vivaldi erfand — der Solist, der aus dem Orchester heraustritt, eine Stimme gegen alle anderen — ist genau das, worum David Garrett ein ganzes Leben aufgebaut hat. Nimmt man die Arenen, das Crossover, die Lichter weg, ist die Essenz reiner Vivaldi: eine Violine, die sich aus dem Ensemble löst, es herausfordert, darüber singt und jedes Ohr im Saal auf eine einzige Linie zieht. Garrett spielt nicht bloß das Repertoire des Solisten — er ist der Solist, den Vivaldi als Erster skizziert hat, drei Jahrhunderte später.
Und Vivaldi ist nie von seiner Seite gewichen. Er war von Anfang an dabei, beim allerersten Schritt von Garretts Crossover-Abenteuer — dem Finale des „Sommers“ auf seinem internationalen Debüt, wo er, nach eigenem Bekunden, die ursprüngliche Struktur bewahrte, ihr aber die Energie des Rock gab. Er kehrte 2010 auf Rock Symphonies zurück, wo „Vivaldi vs Vertigo“ den stürmischen Beginn des Konzerts „Der Winter“ gegen U2 antreten lässt. Und er kam in voller Aufrichtigkeit auf dem klassischen Album Iconic von 2022 wieder, wo Garrett das zarte zentrale Largo eben jenes „Winters“ einspielt — Teil seiner Mission, die großen Glanzstücke der Violine wieder zum Leben zu erwecken. Es ist bezeichnend, dass über zwei Jahrzehnte und zwei musikalische Identitäten hinweg — den Rock-Showman und den klassischen Puristen — der eine Komponist, der immer wieder auftaucht, der Rote Priester ist.
Und dann ist da der „Sommer“ live. Im Teatro Antico di Taormina (18. Juni 2023), unter dem Ätna, mit dem Orchestra del Teatro Vittorio Emanuele di Messina unter Gianna Fratta, wurde Garretts Vivaldi-„Sommer“ zu drei Minuten reinem Blitz — ein Solist allein gegen ein ganzes Orchester, genau so, wie Vivaldi es sich gedacht hatte, gefilmt und um die ganze Welt geschleudert.
Diese Geschichte verdanken wir dem wunderbaren Reel von @musicaviaggiando — Elisa Drei & Marco Forti.