Der Geiger, der seine eigenen Meister erfand
Wien, zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Ein junger Geiger namens Fritz Kreisler baut sich eine Laufbahn auf, und er hat ein Problem, das jeder Solist kennt: Er möchte seine Programme mit kurzen, bezaubernden Stücken füllen — von der Sorte, die das Publikum summend nach Hause schickt. Nur gibt es davon schlicht nicht genug — und ein Programm voller seines eigenen Namens, Stück für Stück, hätte nach Eitelkeit ausgesehen.
Also tut Kreisler etwas Außergewöhnliches. Er schreibt die Stücke selbst — elegante Miniaturen im alten Stil — und signiert sie mit fremden Namen. Ein „Praeludium und Allegro“ wird zum Werk von Gaetano Pugnani. Eine „Liebesfreud“ oder ein zartes „Preghiera“ wird Martini, Couperin, Vivaldi zugeschrieben. Und er erklärt mit todernster Miene, er habe die Manuskripte verstaubt in Klöstern und Privatbibliotheken Europas entdeckt.
Das Publikum liebt sie. Und vor allem die Kritiker lieben sie — sie preisen die „wiederentdeckten Schätze“ der alten Meister, mitunter im selben Atemzug, in dem sie Kreislers eigene, offen signierte Kompositionen als leichtgewichtig abtun. Drei Jahrzehnte lang hält die Täuschung. Konservatorien lehren die Stücke. Gelehrte schreiben über sie. Sie werden eingespielt, in Anthologien aufgenommen, geliebt.
Dann kommt der Februar 1935 und Kreislers sechzigster Geburtstag.
Olin Downes, der gefürchtete Musikkritiker der New York Times, schickt ein neckisches Telegramm: Gewiss, scherzt er, sei Kreisler selbst der wahre Urheber all dieser „verlorenen“ Kostbarkeiten? Er erwartet ein Dementi. Stattdessen antwortet Kreisler vergnügt: ja. Alle. Jeder einzelne Pugnani, Vivaldi und Couperin war seiner eigenen Feder entsprungen.
Die Musikwelt spaltete sich in zwei Lager. In London war der angesehene Kritiker Ernest Newman empört — er hatte diese Werke als Meisterwerke gefeiert und fühlte sich nun persönlich zum Narren gehalten. Downes nahm es, ihm hoch anzurechnen, mit Humor und räumte ein, Kreisler „hat uns recht elegant hinters Licht geführt“.
Kreislers eigene Verteidigung war entwaffnend schlicht. Die Stücke, merkte er an, seien am Tag nach der Enthüllung genau so gut — oder so leicht — gewesen wie am Tag davor. Wenn ein Kritiker am Montag einen „Pugnani“ ein Meisterwerk genannt hatte, was hatte sich bis Freitag wirklich geändert außer einem Namen auf einem Blatt? Der Wert der Musik, argumentierte er, lebe in der Musik, nicht in der Signatur darüber.
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Und dann ist da die Geige
Hier schließt sich die Geschichte sauber an unsere eigene an. Denn das Instrument, das Kreisler durch vieles davon trug, war eine Guarneri „del Gesù“ — eben jener Name, unter dem sich diese Gemeinschaft versammelt. Und seine Geschichte ist beinahe so unwahrscheinlich wie der Schwindel selbst.
Die Geige, die Kreisler spielte, eine „del Gesù“ von etwa 1730, hatte einst einem von Napoleons Generälen gehört, Jean-Andoche Junot. Als Junots Schiff von britischen Kaperfahrern aufgebracht wurde, gelangte das Instrument in den kleinen Hafen von Whitehaven — wo es, so will es die Legende, ein ortsansässiger Pfarrer den Matrosen für zwei Pfund abkaufte. Von der Beute eines Matrosen, verkauft zum Preis einer Mahlzeit, ging sie durch Hand um Hand, bis sie 1926 zu Fritz Kreisler kam. Eine del Gesù, die Krieg, Kaperung und einen Zwei-Pfund-Verkauf überstanden hatte, sang nun in den Händen des Mannes, der die ganze Konzertwelt im Stillen genarrt hatte.
Und hinter dem Schelm steckt auch eine Zärtlichkeit. Kreisler war als Soldat im Ersten Weltkrieg verwundet worden und verbrachte einen großen Teil seines Lebens damit, sein Geld zu verschenken — an Kriegswaisen, an Flüchtlinge, an Freunde in Not. Der Mann, der Vivaldi „fälschte“, war nach allen Berichten kaum imstande, ein Vermögen für sich zu behalten.
Und der Faden reicht bis zu David. Der Name „del Gesù“, unter dem sich diese Gemeinschaft versammelt, ist kein Zufall: Im Juni 2022 erfüllte sich David Garrett bei einer Auktion in Paris, was er einen Lebenstraum nannte, und kaufte die 1736er Guarneri „del Gesù“ „Pasquier“ — und gründete dann den „Del Gesù“ Club, das jährliche Treffen, bei dem die Besitzer dieser seltenen Geigen zusammenkommen, um die Instrumente der anderen zu spielen und zu studieren. Seine Konzerte gibt er auf der 1716er Stradivari „Adolf Busch“, doch die del Gesù ist das Instrument seines Herzens. Und Kreisler hat ihn nie verlassen: über die Jahre kehrte Garrett immer wieder zu „Liebesleid“ und „Liebesfreud“ zurück — eben jenen Zugaben-Miniaturen, die Kreisler einst unter geborgten Namen in die Welt schmuggelte. Sein Album von 2011 „Legacy“ macht diese Hingabe deutlich: neben Beethovens Violinkonzert überlässt Garrett die zweite Hälfte der Platte Kreisler — darunter das „Praeludium und Allegro im Stil von Pugnani“, eben jener „wiederentdeckte Pugnani“ im Herzen dieser Geschichte, und die „Variationen über ein Thema von Corelli im Stil von Tartini“. Vom Zwei-Pfund-Schnäppchen eines Pfarrers in Whitehaven bis zu einem Pariser Auktionssaal drei Jahrhunderte später ist es dieselbe Cremoneser Linie — und in Garretts Händen derselbe Komponist —, die noch immer singt.
Eine Lieblingsgeschichte aus dem Archiv — für alle, die je ein Stück geliebt haben, ohne zu wissen, welcher Name darüberstand.