Ariadnes Faden
Das David Garrett Mood Quiz, das wir für die Strings Society gebaut haben, begann als Spiel — etwas zum Spaß. Doch irgendwo zwischen den Fragen und den Antworten traf es etwas Tieferes. Es brachte mich dazu, über die Musik selbst nachzudenken: nicht über dieses oder jenes Stück, sondern über die Musik als Ganzes und über den seltsamen, beständigen Griff, den sie nach uns allen hat.
Wir halten selten inne, um zu bemerken, wie oft Musik durch unsere Tage gewoben ist. Wir leben einfach in ihr — mal kosten wir sie aus, mal hören wir wirklich zu, meistens lassen wir sie im Hintergrund laufen, während wir alles andere tun. Die meiste Zeit nehmen wir die Wirkung, die sie auf uns hat, gar nicht wahr.
Und diese Wirkung ist nicht klein. Musik hebt nicht nur unsere Stimmung, richtet uns auf oder treibt uns Tränen in die Augen. Sie setzt sich so tief, dass sie fast körperlich wird — weniger Begleitung als Organ, ein Bedürfnis, ein Teil des Körpers, auf den wir nicht mehr verzichten können. Ob man selbst Musik macht oder ihr nur zuhört — sie ist Teil der Luft, die wir atmen.
Wir nutzen sie, um uns bei der Arbeit zu konzentrieren und um beim Gehen die Schultern zu lockern. Um vor dem Sport Energie zu finden und um woandershin zu driften, wenn der Kopf einen Ausweg aus sich selbst braucht. Wir greifen nach ihr, wenn wir am Boden sind und Gesellschaft suchen, und wenn wir froh sind und noch froher sein wollen. Beim Kochen, Lesen, Fahren, Fliegen, unter der Dusche, beim schlechten Tanzen allein durchs Zimmer — fast immer ist Musik da. Wir nutzen sie, und wir lieben sie, und meistens merken wir nicht einmal, dass wir das eine oder das andere tun.
Dann ist da das Gedächtnis, das enger mit Musik verbunden ist als mit fast allem anderen. Ein Lied, eine Phrase, ein paar Takte — und ein Augenblick ist darin versiegelt. Jahre später kehren dieselben Töne zurück, und mit ihnen kehrt der Augenblick zurück, ungetrübt: das Lachen oder die Trauer, die Zärtlichkeit oder der Stich, genau wie er war. Jedes Gefühl, das wir je an ein Stück Musik geheftet haben, bleibt dort geheftet. Das ist keine Sentimentalität; so sind wir gebaut. Die Hirnregionen, die das Gedächtnis bewahren, und jene, die auf Musik reagieren, liegen nah beieinander und leuchten gemeinsam auf — deshalb kann eine Melodie eine Tür öffnen, die die Jahre eigentlich geschlossen haben sollten.
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Ich habe mehr dieser Türen, als ich zählen kann, und sehr viele öffnen sich zur selben Musik. Sechzehn Jahre ist es her, dass ich Garrett zum ersten Mal das Tschaikowski-Konzert spielen hörte, und ich glaube nicht, dass seither ein einziger Tag vergangen ist ohne mindestens ein Stück in seinen Händen. Mit der Zeit war es nicht mehr etwas, das ich hörte, sondern etwas, an dem ich mich orientiere — der Soundtrack der Entscheidungen, der Höhen und Tiefen, sogar der Reue. Ein Faden, dem man folgen kann.
Genau das trifft der Mythos. Ariadne gab Theseus einen einzigen Faden, damit er ins Labyrinth gehen und dennoch wieder herausfinden konnte. Musik leistet dieselbe stille Arbeit. Sie erspart uns das Labyrinth nicht — die Verwirrung, die Sackgassen, die dunklen Wendungen müssen wir selbst durchschreiten — aber sie gibt uns eine Linie zum Festhalten, etwas, das uns ausgerichtet hält und zu uns selbst zurückbringt. Wir folgen ihr, um weiterzugehen, um den Kopf oben zu halten, um das Herz im Takt schlagen zu lassen, um uns ans Atmen zu erinnern.
Vielleicht ist das der wahre Grund, warum ein Spiel über Stimmungen so weit nach innen reichte. Es erinnerte mich daran, dass die Musik, die wir lieben, kein Zierrat auf einem Leben ist. Sie ist einer der Fäden, die das Leben zusammenhalten.
Also — danke. An David, für die Musik und für die Hingabe, uns fühlen zu lassen. Und an alle, die mit einem Herzen hierher gefunden haben, das schon im Takt schlug. Das ist der Faden. Darum geht es. Folge ihm.