Wie David Garrett klassische Musik wieder cool gemacht hat — und warum die Kritiker schließlich umdachten
Das ist die Geschichte, wie er die klassische Musik für eine ganze Generation wieder cool gemacht hat, welchen Widerstand er dafür überwinden musste und warum die Zweifler am Ende größtenteils umdachten.
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Das Problem, das er lösen wollteGarrett hat seine Beweggründe nie verheimlicht. Crossover war für ihn immer ein Mittel, um neues Publikum zu gewinnen. Und — warum nicht — auch ein bisschen Spaß. Er hat erzählt, wie er die Idee an der Juilliard entdeckte, wo Tanzgruppen immer wieder klassische Musiker baten, Popstücke zu spielen — und ihm auffiel, wie viele junge Menschen gar nicht wussten, dass das auf einem klassischen Instrument überhaupt möglich war. Der zündende Gedanke war einfach: das junge Publikum dort abholen, wo es bereits ist, und die Violine als Brücke zurück zu Bach nutzen.
Er hat klar gesagt, dass es ihm dabei um das Überleben der Kunstform ging und nicht nur um seine Karriere — um einen Weg, junge Menschen für die klassische Musik zu begeistern. Die Grundannahme: Die klassische Musik hatte kein Qualitätsproblem, sondern ein Sichtbarkeits- und Imageproblem.
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Der Widerstand — auch aus dem eigenen UmfeldHier ist der Teil, den Fans manchmal vergessen: Das war ein wirklich riskanter Schritt, und die Menschen um ihn herum wussten das.
Als Garrett seine Crossover-Karriere starten wollte, baute er sich gerade aus einem Tiefpunkt wieder auf. Nach Jahren abseits des Rampenlichts waren die Konzertangebote versiegt, und sein Management hatte ihn fallen gelassen. Nur durch Hartnäckigkeit — mit kleinen Privatkonzerten für wenig oder gar kein Honorar — kämpfte er sich zurück. Und als er wieder öffentlich bekannt war, reagierte sein Umfeld vor allem mit Vorsicht: Die Menschen um ihn herum standen seinen Crossover-Ambitionen zögerlich gegenüber.
Die breitere Klassikwelt war noch unnachgiebiger. Es gab echten Snobismus gegenüber Crossover als Genre — und bemerkenswerterweise gibt Garrett ihm sogar teilweise recht. In einer der offensten Aussagen, die er je dazu gemacht hat, räumte er ein, der Snobismus sei teilweise berechtigt gewesen, weil Crossover viele Jahre lang der Fluchtweg für nicht erstklassige Musiker war. Crossover galt als sanfte Landung für Spieler, die im Konzertsaal nicht bestehen konnten — also fiel dieser Verdacht auch auf ihn.
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Die Kritik in ihrer stärksten FormEs lohnt sich, die Kritiker ernst zu nehmen, denn die besten unter ihnen waren nicht einfach nur verstockt.
Der schärfste Einwand betraf nicht seine Finger, sondern das Gefühl. Die Kritiker gestanden ihm eine brillante Technik zu, argumentierten aber, das Crossover-Spektakel stelle den Effekt über den Ausdruck und verwandle geliebte Klassiker in Schaustücke ohne emotionalen Kern. Manche Klassik-Autoren konnten die Rock-Arrangements überhaupt nicht ertragen. Der heiklere Einwand lautete: Mit Led Zeppelin große Massen anzulocken, beweist noch lange nicht, dass dieses Publikum sich jemals ein vierzigminütiges Konzert anhören wird.
Auch ein weiterer Punkt steckt in der Skepsis: Kommerzieller Erfolg und künstlerische Tiefe sind nicht dasselbe, und gutes Aussehen plus Rockband sind ebenso ein Marketingpaket wie eine musikalische Leistung. Garrett wurde als „der David Beckham der Violine“ vermarktet — und solch eine Inszenierung weckt Zweifel an der Substanz dahinter.
Doch genau das macht den Vorwurf, er sei „nur ein Showman“, schwer haltbar: Das klassische Establishment hatte Garrett längst ernst genommen, lange vor der Lederjacke. Mit dreizehn nahm ihn die Deutsche Grammophon unter Vertrag — als jüngsten Künstler überhaupt —, mit fünfzehn spielte er alle 24 von Paganinis teuflisch schweren Capricen ein, und er studierte an der Juilliard bei Itzhak Perlman. Was auch immer man von seinen Metallica-Covers hält: Das war nie ein Spieler, der im Konzertsaal nicht bestehen konnte. Er wählte den Crossover-Weg aus einer Position der Stärke, nicht als Notlösung.
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Warum er trotzdem recht hatteDie Sache ist die: Die Seitentür führt trotzdem ins Gebäude.
Selbst Kritiker, die zum Spotten gekommen waren, bemerkten immer wieder dasselbe — der Saal fühlte sich anders an. Ein Rezensent gab zu, die Begeisterung bei seinem Konzert habe die fast aller anderen Klassikabende übertroffen, und räumte ein, ihn fürs Crossover abzukanzeln wirke kleinlich und ein wenig verstockt. Derselbe Autor fand das Bild, das Garretts gesamte Leistung zusammenfasst: Er sei eine Tür, durch die junge Rockfans die Welt der klassischen Musik betreten und erkennen können, dass ein klassisches Instrument auch rocken kann.
Und entscheidend: Garrett hat die klassische Arbeit nie aufgegeben, um dem Publikum hinterherzulaufen. Er kehrte immer wieder zurück. Sein Klassikalbum Iconic von 2022 erreichte Platz 4 der deutschen Pop-Charts — ein außergewöhnlicher Erfolg für ein Klassikalbum — und gewann einen Opus Klassik als Bestseller des Jahres. Mit diesem klassischen Repertoire gab er 113 Konzerte auf 5 Kontinenten. Das Crossover-Publikum, so zeigte sich, folgte ihm tatsächlich bis in den Konzertsaal.
Es gibt noch eine tiefere Rechtfertigung, die Garrett selbst stets vorgebracht hat: Er bricht nicht mit der Tradition, er führt sie fort. Die Virtuosen des 19. Jahrhunderts, die er verehrt — Paganini, Wieniawski, Sarasate, Kreisler —, bauten ihren Ruhm auf genau diesem Prinzip auf: Sie nahmen die populären Melodien ihrer Zeit und verwandelten sie in Schaustücke. Garrett tut genau dasselbe mit Nirvana und Metallica. Ein Kritiker brachte es auf den Punkt: Bach, Vivaldi, Beethoven und Liszt waren allesamt die „Rocker“ ihrer Zeit — und erst Jahre später gelten sie als „klassisch“.
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Das FazitDavid Garrett setzte darauf, dass das größte Problem der klassischen Musik nicht die Musik war, sondern die samtene Kordel davor. Für diese Wette kassierte er Kritik — von seinem Management, von Puristen und von Rezensenten, die meinten, er verramsche die Kunst. Er machte trotzdem weiter, und eine Generation, die der Violine vielleicht nie eine zweite Chance gegeben hätte, landete am Ende in seinem Publikum — manche blieben für Beethoven.
Er gewann die Debatte nicht, indem er den Kritikern in allem das Gegenteil bewies. Er gewann sie, indem er zeigte, dass die Mauer zwischen „ernster“ und „unterhaltsamer“ Musik niedriger war, als sie dachten — und dass man auf beiden Seiten zugleich stehen kann.
Gehören Sie zu denen, die durch David Garrett zur klassischen Musik gefunden haben? Verraten Sie uns, welches Stück Ihr Einstieg war. 🎻
— Das Redaktionsteam von The Strings Society