Eine neue Hoffnung, im 4/4-Takt
Vor langer, langer Zeit – na gut, in den 1980ern – in einem Wohnzimmer weit, weit entfernt, schaute ein Junge mit seinem Bruder dieselben Filme hunderte Male. Er wurde groß, verkaufte die Philharmonie aus und füllte Stadien – und legte das Lichtschwert kein einziges Mal aus der Hand. Auf Immortal nimmt David Garrett endlich die Musik auf, mit der er aufgewachsen ist – und spricht darüber wie der Fan, der er nie aufgehört hat zu sein.
Episode I — Die spitze Bedrohung
Jeder Jedi trainiert lange vor den Duellen, und Davids Training ist der Teil, den niemand sieht: das Arrangieren. Er hat jedes Stück des Albums von Hand geschrieben. „Ich gehe da immer mit spitzer Feder an so etwas heran“, sagt er, „und versuche, das nicht nur musikalisch schön zu machen, sondern natürlich auch geigerisch spannend“ — genau so, wie es die alten Meister Kreisler, Elman und Heifetz getan hätten, wäre die Musik je auf ihrem Pult gelandet. Der Bogen ist nur das Lichtschwert; die Jahre der Disziplin dahinter sind die Macht. (Und wer bei den Millennium-Symphony-Open-Airs war, weiß, dass wir nur halb scherzen: In einem Stück spielt er mit einem leuchtenden, erleuchteten Bogen — ein Lichtschwert in allem außer dem Namen.)
Episode II — Angriff der Abkürzungen
Es gibt eine dunkle Seite, und sie ist schnell und günstig. „Es gibt heutzutage so viele Möglichkeiten. Man will alles schnell und günstig hinbekommen“, sagt er. Seine Antwort prangt auf dem Cover wie eine Weigerung: 100% handgemacht. Lass dir Zeit. Greif dafür in die eigene Tasche. Geh deine eigene Leistungsgrenze suchen – „Wie viele Prozente kannst du aus dir selbst rausholen?“ Der leichte Sieg, gibt er zu, hält nie: Er befriedigt einen Moment lang und ist binnen eines Jahres verflogen. Das ist die Verführung der dunklen Seite, im 4/4-Takt.
Episode III — Die Rache des Bach
Jede Saga braucht eine Quelle der Macht, und für David ist das Bach. Frag ihn nach seinem Liebling, und er zögert nicht: „es gibt nichts Größeres, Genialeres und Schöneres als Johann Sebastian Bach“. Auf dem Album nimmt er sich Jesus bleibet meine Freude vor – ein Stück, das Bach nur fürs Klavier schrieb, nie für die Geige – und baut es aus den Instrumenten neu auf, die Bach selbst zur Verfügung hatte, um es dann zu öffnen, ein wenig orchestraler. Er kopiert nicht das Arrangement des Meisters; er stellt sich jenes vor, das der Meister nie geschrieben hat. Und das ist der Jedi-Move schlechthin: Du imitierst deinen Lehrer nicht, du trägst die Linie weiter.
Episode IV — Eine neue Hoffnung
Und dann, mitten unter den Unsterblichen auf einer Platte, die buchstäblich Immortal heißt, der Mann, der den Mythos selbst vertont hat: John Williams. David weigert sich, sich dafür zu entschuldigen, einen Filmkomponisten neben Bach zu stellen. „Er ist ein absolutes Genie“, sagt er – „wahrscheinlich sogar die größte Präsenz, was Melodik angeht“. Jeder kennt jedes Stück, das er je geschrieben hat: Indiana Jones, „Schindlers Liste“ und – natürlich – Star Wars.
Und hier verwandelt sich der Stargeiger postwendend zurück in einen Zehnjährigen. „Ich bin ein großer Star-Wars-Fan“, gesteht er – alle Filme, hunderte Male, mit seinem Bruder. Was, ganz leise, die ganze These des Albums ist: Die Musik, die sich fürs Leben in dich einbrennt, ist nie die Musik, die leicht zu machen war. Es ist die Musik, die jemand ernst genug genommen hat, um sie ganz genau richtig hinzubekommen. Williams hat das getan. Bach hat das getan. Und jetzt tut es auch Garretts spitze Feder.
Wenn also das Orchester anschwillt und du plötzlich wieder zehn Jahre alt bist, dann ist der Sog, den du spürst, keine Nostalgie. Es ist die Macht – 100% handgemacht, keine dunkle Seite, die alten Meister im Rücken. Liebe Nerds: Die hier ist für uns. Möge der Bogen mit ihm sein.
▸ Das vollständige Interview lesen
Was steckt hinter dem Album-Titel Immortal?
Die grundsätzliche Idee des Albums – deswegen auch der Name – ist, den zeitlosesten Komponisten, also dem, was uns über die Jahrhunderte hinweg immer noch fasziniert, mit diesem Album ein Tribut zu zollen. Deswegen auch der Name: Immortal – unsterblich. Das sind für mich die unsterblichen Komponisten der letzten 400 Jahre.
Das Album erscheint ja erst im Oktober. Mit Nessun dorma hast du daraus aber nun bereits eine erste Single veröffentlicht. Was fasziniert dich an diesem Stück?
Nessun dorma ist natürlich unglaublich bekannt, auch über die Welt der Klassik hinaus. Und es ist ein Stück, das es bislang nicht als Arrangement für Geige gegeben hat. Das fand ich sehr spannend und auch fast schon faszinierend, dass sich da noch keiner mit beschäftigt hat, weil es doch auch melodisch ein tolles Stück für das Instrument ist.
War es schwierig, Nessun dorma für die Geige zu arrangieren?
Ich glaube, jedes Stück ist eine Challenge. Es hat immer einen gewissen Schwierigkeitsgrad. Bei Nessun dorma zum Beispiel gibt es am Anfang einen eher rezitativen Part. Den irgendwie schön auf die Geige umzuschreiben und dabei nicht nur die Melodiestimme des Tenors zu nehmen, sondern auch ein bisschen die Harmonien und Akkorde mit einzubauen – das ist die Herausforderung. So, wie das vielleicht auch Fritz Kreisler, Mischa Elman oder Jascha Heifetz gemacht hätten, wenn sie dieses Stück für die Geige arrangiert hätten. Also ich gehe da immer mit spitzer Feder an so etwas heran und versuche, das nicht nur musikalisch schön zu machen, sondern natürlich auch geigerisch spannend.
Du hast ja nicht nur Nessun dorma selbst arrangiert, sondern auch alle anderen Stücke auf dem Album. Was war dir dabei besonders wichtig?
Für mich sind musikgeschichtlich ganz viele Elemente wichtig, die ich auch in jedes Arrangement bringe. Jeder Komponist hat einen anderen Vibe, einen anderen Zugang, eine andere Instrumentalisierung. Und das versuche ich bei jedem Stück immer wieder auf den jeweiligen Komponisten zugeschnitten zu machen – aber mit den Möglichkeiten, die ich heute auch bei diesen Komponisten sehe. Ein Beispiel: Jesus bleibet meine Freude ist ja eigentlich ein Stück, das es im Original von Johann Sebastian Bach nur für Klavier gibt. Dementsprechend gab es nie ein Arrangement für Geige. Das war ein Stück, bei dem ich dann gesagt habe: Die Melodie ist so schön, sie passt fantastisch auf die Geige. Für das Arrangement habe ich dann die Instrumente verwendet, die Johann Sebastian Bach damals zur Verfügung hatte, habe das Ganze aber nun ein bisschen orchestraler arrangiert.
Du bezeichnest dein neues Album als dein bislang persönlichstes Album. Warum?
Es ist natürlich wieder ein klassisches Album, dementsprechend auch mit Stücken, die ich kenne und liebe, seit ich denken kann. Ich habe diese Stücke schon als Kind gehört und sowohl die Stücke und Komponisten als auch die Interpreten bewundert. Mittlerweile bin ich in meinem Leben als Künstler so weit, diese Stücke noch einmal aufzunehmen, sie im eigenen musikalischen Gewand zu adaptieren und zu arrangieren. Das ist natürlich eine ganz tolle, großartige Möglichkeit, und das macht mich sehr stolz.
Mit dem Hinweis „100% handgemacht“ setzt du auf deinem neuen Album ein klares Statement. Warum war dir das wichtig?
Das habe ich absichtlich in den Vordergrund gerückt. Es gibt heutzutage so viele Möglichkeiten. Man will alles schnell und günstig hinbekommen. Mir war ganz wichtig, diese Tradition hervorzuheben, sich Zeit zu lassen und auch selbst in die Tasche zu greifen, um so etwas wirklich perfekt zu machen. An diesen Hürden zeichnet sich auch die eigene Leistungsgrenze ab. Wie viele Prozente kannst du aus dir selbst rausholen? Und das finde ich immer wieder spannend. Dinge, die zu einfach sind, haben für mich persönlich nie langfristig das gleiche Ergebnis. Kurzfristig ja, aber nicht über ein, zwei, drei oder vier Jahre, geschweige denn über Jahrzehnte.
Was ist dein Lieblingstitel auf dem Album?
Das ist wirklich sehr, sehr schwer zu beantworten. Wenn man fast anderthalb Jahre diese Stücke arrangiert, verbindet man natürlich mit jedem Stück unglaublich viel Zeit und Liebe und einen ganz eigenen Entwicklungsprozess. Aber es geht nichts über Johann Sebastian Bach: Das muss man fairerweise sagen. Das ist mein Lieblingskomponist. Dementsprechend: Ich würde wahrscheinlich mit Bach gehen, einfach nur, weil es nichts Größeres, Genialeres und Schöneres gibt als Johann Sebastian Bach.
Mit dabei auf dem Album ist auch John Williams. Er gehört ja eher zu den neueren Komponisten. Warum ist er für dich trotzdem zeitlos?
Er ist ein absolutes Genie. Er hat eine unglaubliche Präsenz. Ich glaube, von allen Filmkomponisten wahrscheinlich sogar die größte Präsenz, was Melodik angeht. Und das nicht nur in der klassischen Musik, sondern überhaupt: Man kennt jeden Soundtrack von ihm. Ob es Indiana Jones ist, ob es Star Wars ist oder auch Schindlers Liste.
Was ist dein Lieblingstitel von John Williams?
Ich bin ein großer Star Wars-Fan, muss ich fairerweise sagen. Es gibt keinen Lieblingstitel per se. Aber ich habe als Kind mit meinem Bruder alle Star Wars Filme hunderte Male angeschaut. Dementsprechend ist das bei mir besonders einprägsam in Erinnerung.
Ist geplant, dass du mit dem neuen Album auch auf Tour gehst?
Absolut. Das Album erscheint ja im Oktober diesen Jahres. Ab Februar oder März nächsten Jahres werden wir wahrscheinlich ein paar Konzerte in Deutschland, Österreich und der Schweiz spielen und anschließend international mit dem Album über das Jahr hinweg unterwegs sein.
Jetzt geht es ja diese Woche erst einmal los mit deiner Millennium Symphony Open Air Tour. Bist du eher der Typ für Open-Air-Konzerte oder eher für die Konzerthalle?
Also, vor zwei Tagen hätte ich dir noch gesagt, als ich hier in Berlin in meiner Bude geschwitzt habe: Ehrlich gesagt, ich bin eher Fan von den alten Klassikräumen, weil es da Klimaanlagen gibt. Es war ja wirklich bullenheiß hier in Berlin. Aber ich muss fairerweise sagen: Ich mag beides sehr, sehr gerne. Es sind ganz unterschiedliche Stimmungen – sowohl was auf der Bühne passiert als auch, was im Publikum passiert. Ich glaube, in der Philharmonie zu spielen, ist erstens eine große Ehre und zweitens eine fantastische Akustik. Es gibt großartige Klassikräume, die mir unglaublich viel Spaß machen. Allerdings finde ich, Open Air zu spielen, ist immer eine unglaublich schöne Brücke, die man auch zu einem Publikum schlagen kann, das sich mit Klassik nicht so auskennt. Und das ist ja etwas ganz Wichtiges: dass wir als Künstler, als Klassik-Künstler, ein Publikum immer wieder neu an diese Musik heranbringen. Ich glaube, da ist Open Air ein faszinierender Ort, weil es die Natur widerspiegelt, weil die Musik sozusagen die Natur auch noch ein Stück weit mehr zelebriert. Und das mag ich sehr gerne.
Wie schaffst du es, bei dieser Hitze vor einem Auftritt einen kühlen Kopf zu bewahren?
Wenn es die Möglichkeit gibt, gehe ich backstage kurz vorher noch einmal kalt duschen. Und dann ziehe ich natürlich Klamotten an, die mir die Freiheit geben, zwei Stunden zu spielen. Es ist ja nicht so, dass ich bei den Konzerten nur ein Violinkonzert spiele, sondern ich spiele zwei Stunden am Stück. Das ist natürlich auch körperlich anstrengend, und das spürt man. Deshalb versuche ich bei der Kleiderwahl immer etwas zu finden, das möglichst leicht ist und mich beim Spielen nicht einschränkt, damit ich nach den zwei Stunden nicht völlig erschöpft bin.
Und wie ist es mit der Geige? Muss man da irgendwas beachten bei den Temperaturen?
Die Geige kommt ja Gott sei Dank nicht aus Sibirien, sondern aus Cremona. Sie müsste die heißen Temperaturen also eigentlich gewohnt sein. Ich würde sie aber nicht der Sonne aussetzen. Das heißt, wenn die Sonne auf die Bühne scheint, proben wir im Schatten. Aber die Uhrzeiten der Konzerte sind ja immer so, dass dann beim Konzert Sonnenuntergang ist. Man hat also nicht den direkten Approach der Sonne auf den Lack. Das wäre ganz schlimm für die Instrumente. Aber es ist eigentlich eher Kälte und Trockenheit, was den Instrumenten zu schaffen macht.
Hast du Rituale vor einem Konzert, die du immer machst, bevor du auf die Bühne gehst?
Die schwierigen Passagen noch einmal langsam durchgehen – so, wie meine Kollegen das auch meistens machen. Ich bin jetzt nicht der große kulinarische Esser vor dem Konzert, wahrscheinlich auch, weil der Magen bei einer gewissen Anspannung nicht unbedingt mitspielt. Aber üben, gucken, dass man sich gut fühlt, dass man ausgeschlafen ist, wenn es möglich ist – das sind eigentlich die wichtigsten Dinge. Und dann, in dem Moment, in dem man auf die Bühne geht, natürlich auch das Gefühl der Selbstsicherheit zu haben und sich dementsprechend vorzubereiten.
Zitate aus David Garretts Interview mit Valeska Baader für Klassik Radio, 30. Juni 2026 · Foto: Ben Wolf. Immortal erscheint am 9. Oktober; für Anfang 2027 ist eine Tour durch Deutschland, Österreich und die Schweiz geplant.