Der Lavendel und der glücklichste Mensch
Am Freitagabend kehrte die NDR Talk Show aus Hamburg zurück — mit einem vollen, lebendigen Sofa: die Richterin und Schriftstellerin Elisa Hoven, die Miniaturkünstlerin Katharina Raab, der Entertainer Wolfgang Lippert, die Erdbeer-Dahls — und mittendrin David Garrett, auf seiner Millennium Symphony Tour. Durch den Abend führten Bettina Tietjen und Hubertus Meyer-Burckhardt. Er begann nicht auf seinem Platz, sondern auf der Bühne und eröffnete den Abend mit Avicis Wake Me Up.
I. Der Lavendel im Geigenkasten
Später, als das Gespräch auf das Thema Aberglaube kam, antwortete der Mann, der Arenen von Hongkong bis Mexiko gefüllt hat, mit etwas entwaffnend Kleinem: Seine Mutter legt ihm einen Zweig Lavendel in den Geigenkasten, um ihm Glück zu wünschen. Man stelle es sich vor — auf Bühnen, wo Tausende im Dunkeln warten, der Segen einer Mutter, versteckt dort, wo kein Scheinwerfer hinreicht.
II. Der glücklichste Mensch
Der Rest seines Auftritts kreiste um dieselbe Wärme. Er war gerade aus New York zurück — seit den Juilliard-Jahren seine zweite Heimat, die Stadt, in der er bei Itzhak Perlman studiert hat. Die Moderatoren zeigten ein Foto von ihm, riesengroß auf einer Videowand am Times Square. Die Geschichte dahinter: Im vergangenen Jahr ließ er seine amerikanische Mutter zur Eröffnung seiner USA-Tour einfliegen. Man hatte ihm gesagt, am Times Square gebe es eine Werbung; er rechnete mit “so einem kleinen LED da oben”. Stattdessen stand er neben seiner Mutter vor etwas Gewaltigem — und sie sagte immerzu mach ein Foto, mach ein Video und sprang vor Freude umher.
“Das war total surreal”, sagte er. “Ich durfte schon viel im Leben erleben, aber das ist ein Moment, der bleibt.” Selbst das häusliche Detail, mit dem die Moderatoren ihn neckten — die Hausschuhe, die er gepostet hatte, der makellose Boden (Straßenschuhe zieht er direkt an der Tür aus) — entpuppte sich als Weihnachtsgeschenk seiner Mutter.
Dann kamen die Geigen. Für den Abend hatte er eigens die Guarneri del Gesù mitgebracht; bei Open-Air-Konzerten führt er stets ein zweites Instrument mit, falls es regnet, denn “es ist ein Stück Geschichte, das ich für die nächsten Generationen in gutem Zustand halte”. Er sprach von den etwa fünf- bis sechshundert erhaltenen Stradivaris und den nur rund hundertfünfzig Guarneris, vom Holz der kleinen Eiszeit und von der Magie Cremonas, die niemand je ganz erklärt hat.
Und dann der Moment, der den Saal still werden ließ. Auf die halb scherzhafte Frage, ob er Sammlern herzliche Weihnachtsgrüße schicke, in der Hoffnung auf ein geschenktes Instrument, lehnte er den Scherz ganz ab. Das Wichtigste im Leben, sagte er, sei zu wissen, wann es einem gut geht — und er habe alles, was er sich erträumt oder nicht einmal zu erträumen gewagt habe. So viele schöne Dinge, so viele großartige Momente, sogar das Privileg, ein solches Instrument spielen zu dürfen. Er sei sich seiner Situation völlig bewusst, was für ein glücklicher Mensch er sei, und er zelebriere und liebe das jeden Tag. Also keine Grüße an irgendein Museum —






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Moderation: Sie haben es gemerkt — David Garrett hat seinen Platz verlassen und ist hinüber zur Bühne gegangen. Vorstellen muss ich ihn Ihnen wirklich nicht. Seit Jahrzehnten macht er Millionen Menschen mit seiner Musik glücklich. Stichwort Geige und Crossover. Hier ist er jetzt in der NDR Talk Show — mit Avicis Mega-Hit „Wake Me Up“.
Moderation: Wenn Sie mehr von diesem neuen Programm sehen wollen: Millennium ist die Open-Air-Tour. Ab Juni geht’s los — 14 Konzerte in Deutschland, große Open Airs, große Bühne, großes Orchester, Band dabei. „Millennium Symphony“ — die besten Songs der letzten 20 Jahre, für jeden etwas. Wie immer bei dir, David: immer groß.
Moderation: Du kommst gerade aus New York zurück, dein zweites Zuhause. Wie lange warst du diesmal da?
David Garrett: Ich hatte ein bisschen Zeit für mich, war knapp zwei Wochen dort. Hab meine Wohnung wieder genossen, mein Auto aus der Garage geholt — ich liebe es, die Stadt nicht nur zu Fuß, sondern auch mit dem Auto zu erkunden. Über die Brooklyn Bridge nach Dumbo, kurz parken, spazieren, neue Gegenden kennenlernen. Das ist für mich ein Inspirationsort, schon seit dem College, an der Juilliard. Ich bin immer noch großer Fan dieser Stadt.
Moderation: Auf wie viele Wochen im Jahr schaffst du es überhaupt?
David Garrett: Ich würde sagen sieben, acht, neun Wochen. Immerhin so zwei Monate im Jahr.
Moderation: Wir haben so schöne Bilder von dir am Times Square, auf dieser riesigen Video-Wall. Und deine Mutter ist auch dabei —
David Garrett: Das ist meine Mama da unten, ja. Wir hatten letztes Jahr mit dem Programm, das wir jetzt hier als Open Airs spielen, eine USA-Tour. Meine Mutter sagte: Wenn du in New York spielst, muss ich unbedingt kommen — sie ist ja Amerikanerin. Also habe ich sie einfliegen lassen, sie hat ein paar Tage bei mir gewohnt, es war das Eröffnungskonzert der Tour. Dann sagte man mir, am Times Square gibt es eine Werbung. Ich dachte, da ist so ein kleiner Fitzel, eine LED-Geschichte. Und dann stand ich da mit meiner Mutter, und es war wirklich riesengroß. Meine Mutter nur so: mach Foto, mach Video — und ist herumgesprungen. Wir haben’s natürlich auf Instagram gepackt. War schon toll.
Moderation: Es ist süß, dass sie sich noch so freuen kann.
David Garrett: Ehrlich gesagt, mich berührt das auch sehr. Das war total surreal. Ich durfte schon viel erleben, aber das ist ein Moment, der bleibt.
Moderation: Ein Moment, der bei mir bleibt, ist das Foto deiner Hausschuhe, das du neulich gepostet hast — der entspannte David zu Hause, der saubere Fußboden.
David Garrett: Ich mag keine Straßenschuhe in der Wohnung, die ziehe ich immer direkt an der Tür aus. Darauf lege ich viel Wert. Und deswegen braucht man vernünftige Hausschuhe. Die waren ein Weihnachtsgeschenk von meiner Mama.
Moderation: Müssen Besucher auch die Straßenschuhe ausziehen? Unsere Hygiene-Expertin wird das mögen. Laufen sie dann in Strümpfen oder kriegen sie Hausschuhe von dir?
David Garrett: Ich habe genug Hausschuhe zu Hause — nicht für 50 Leute, aber für ein paar reicht’s. (Das Hygienethema vertiefen wir nachher mit Shiwa.)
Moderation: Du bist auf der ganzen Welt unterwegs. Gibt es ein Publikum, das du besonders schätzt?
David Garrett: Kein Lieblingspublikum, aber unterschiedliche Ansätze. Das Extrembeispiel größter Euphorie schon vor der ersten Note ist Südamerika — du musst keine Note spielen und wirst gefeiert, die Leute stehen in der Zehntausenderhalle auf. Eigentlich unverdient, aber ich nehm’s gern an. Europa liegt im Mittelfeld — die wollen erst etwas geboten bekommen, das verstehe ich, so bin ich als Zuschauer auch. Und am anderen Ende ist Asien, kulturell eher zurückhaltend; da fragt man sich als Künstler fast, ob es gefällt. In den ersten Jahren dachte ich oft, spiele ich heute nicht gut? Aber am Schluss rasten sie aus — dann weiß ich, es hat geklappt.
Moderation: Bist du aufgeregter in New York oder in Hubertus’ Heimatstadt Kassel, wo deine Open-Air-Tour beginnt?
David Garrett: Ich glaube New York, weil es ein bisschen Heimat ist, die Stadt, in der ich mit Perlman gearbeitet und Komposition gelernt habe. Aber Kassel — Weltstadt — natürlich auch sehr gern.
Moderation: In Kassel spielst du auf dem Friedrichsplatz, und da regnet es gelegentlich. Verträgt eine Geige diesen Wertes Wasser? Wir reden von Stradivari, von Guarneri.
David Garrett: Die Geige, die ich heute dabei habe — eigens für diese Runde —, ist die Guarneri del Gesù. Die würde ich bei Regen um Gottes willen nicht rausnehmen. Ich habe immer zwei Instrumente dabei, falls das Wetter verregnet aussieht. Das Risiko kann man nicht eingehen, es ist ein Stück Geschichte, das ich für die nächsten Generationen in gutem Zustand halte. Wenn es bewölkt aussieht, gibt es immer eine sehr gute Zweitgeige.
Moderation: Bei einer Fernsehaufzeichnung ist mal Wasser über eine Stradivari gelaufen, in London bist du auf eine Geige gefallen. Wie viele Menschen können solche Instrumente überhaupt reparieren?
David Garrett: Das in London war meine Schuld. Es gibt wohl vier oder fünf Händler weltweit, die sich überhaupt mit diesen Instrumenten beschäftigen und Top-Restauratoren haben — Charles Beare in London, Peter Biddulph. Wasser selbst schadet dem Instrument nicht so sehr, wenn man es schnell abtrocknet. Eine Geige von 1718 war nach meiner Recherche etwa 10 Millionen wert — die San Lorenzo, die ich als Kind viele Jahre spielen durfte, liegt inzwischen wohl bei 15, 16. Ich mache nicht die Preise; glücklicherweise darf ich sie als Leihgabe haben.
Moderation: Wie viele Geigen dieser Art gibt es noch?
David Garrett: Bei Stradivari kann man es ziemlich genau sagen — zwischen 500 und 600. Er hatte ein langes Leben, ist mit 93 gestorben, fast Methusalem-Alter für damalige Verhältnisse. Von Guarneri gibt es etwa 150 Geigen; er hat nur Geigen gebaut, keine Celli, keine Bratschen, und ist viel früher gestorben, mit nur 46.
Moderation: Erkennst du ohne zu spielen, rein optisch, ob es eine Guarneri oder eine Stradivari ist?
David Garrett: Ganz einfach, ja. Diese beiden Geigenbauer haben in derselben Stadt, in derselben Zeit die konträrsten Modelle gebaut. Eine Guarneri hat fast etwas Rudimentäres, viel längere F-Löcher, ein markanteres Gesicht. Eine Stradivari ist lieblicher, vielleicht weiblicher. Diese zwei Modelle bauen Geigenbauer bis heute nach — danach hat kein Modell diesen Zenit von Ton und Verarbeitung je erreicht.
Moderation: Du hast einmal poetisch gesagt, man müsste einen Geigenbau-Wald anpflanzen, geschützt mit einer Klimabox, um das Holz der berühmten Familien wiederherzustellen.
David Garrett: Es gibt eine Theorie: eine kältere Zeit, die kleine Eiszeit zwischen dem 15. und 16. Jahrhundert, hat das Wachstum der Bäume verlangsamt, dadurch liegen die Jahresringe enger beieinander — man sagt, das Holz sei deshalb tonlich besser. Aber man kann keinen Wald bauen und einen großen Dom drumherum stellen. Es ist eine von vielen Theorien über Cremona und das 18. Jahrhundert; man versteht bis heute nicht ganz, warum der Klang so intensiv und farbenreich ist — warum da eine Magie ist.
Moderation: Wird eine Geige, die nicht gespielt wird, schlechter? Viele liegen ja in Tresoren von Sammlern und Museen.
David Garrett: Nein. Ich bin Fan von beiden Seiten. Es muss Instrumente geben, die gespielt werden, damit ein Publikum sie hört und es die Musik bereichert. Und es muss Instrumente in Museen und Sammlungen geben — sonst hätten wir heute keine gut erhaltenen Instrumente für junge Menschen. Auch über meine Generation hinaus muss es Menschen geben, die sie bewahren.
Moderation: Letzte Frage: Gibt es einen Sammler oder Museumsdirektor, dem du besonders herzliche Weihnachtsgrüße schickst — in der Hoffnung auf ein geschenktes Instrument?
David Garrett: Ich glaube, das Wichtigste im Leben ist zu wissen, wann es einem gut geht. Und ich habe in meinem Leben wirklich alles, was ich mir erträumt oder nicht einmal zu erträumen gewagt habe. So viele schöne Sachen, so viele tolle Momente — und überhaupt so ein Instrument spielen zu dürfen. Ich bin mir bewusst, was für ein glücklicher Mensch ich bin, und zelebriere und liebe das jeden Tag. Insofern keine Grüße an irgendein Museum, denn — I am fucking happy. Sorry.
Moderation: Ich nehme mit: Du beginnst deine großartige Tournee in Kassel — eine sehr gute Entscheidung. Dank deiner Hausschuhe hast du eine picobello saubere Wohnung. Und du bist der glücklichste Mensch. Meine Mutter sagt immer: Glücklichsein ist eine Entscheidung. Das ist ein ziemlich gutes Wort. Der Garrett, meine Damen und Herren!
Hubertus brachte den Abend zum Abschluss, und David gab ihm den letzten Satz. “Meine Mutter sagt immer: Glücklichsein ist eine Entscheidung.” Und genau dort treffen sich die beiden Momente — der Segen einer Mutter, versteckt im Geigenkasten, und die Worte einer Mutter, hinausgetragen auf die Bühne. Der Lavendel und der glücklichste Mensch. Beide sind, am Ende, sie.
— Das Redaktionsteam von The Strings Society