Das falsche Amsterdam
Bonustrack einundzwanzig war ein Stück für Oboe, das auf einer Geige landete. Bonustrack zweiundzwanzig hat dasselbe getan, lange davor.
Die Fakten. Bonustrack zweiundzwanzig dauert drei Minuten und drei Sekunden. Es ist der erste Satz, Larghetto, aus Georg Friedrich Händels Sonate a-Moll HWV 362, gedruckt als sein op. 1 Nr. 4. Die Angabe ist dieselbe wie bei Bonustrack einundzwanzig.
Händel schrieb sie für Altblockflöte und Cembalo. In seinem Manuskript steht flauto e cembalo, und zu Händels Zeit hieß flauto die Blockflöte.
Das Larghetto ist fünfzig Takte lang, in a-Moll, im Dreiertakt.
Um 1730 erschien eine Sammlung von Händels Solosonaten mit einem Amsterdamer Titelblatt, unter dem Namen der Verlegerin Jeanne Roger.
„Jeanne Roger, Amsterdam.“
Jeanne Roger war 1722 gestorben.
Der Drucker war John Walsh, in London, Händels eigener Stadt. Bald darauf brachte er die Sonaten unter seinem eigenen Namen neu heraus.
Die Titelblätter boten sie für Querflöte, Oboe oder Violine an. Vier waren eigentlich für Blockflöte, und diese war eine davon.
Händels eigene Manuskripte der Blockflötensonaten tauchten erst Ende der 1970er-Jahre auf.
Dieses Album ist schon Fälschern begegnet. Stück sechs und Stück neunzehn waren Kreislers eigene Musik unter fremden Namen.
Bei Bonustrack zweiundzwanzig ist es umgekehrt: Händels Musik, unter einer fremden Adresse.
Auf Garretts Repertoireliste gibt es einen einzigen Eintrag für Händel, und es ist dieser, auf Immortal.
Und er spielt es auf der Geige, einem der Instrumente, für die Walshs Titelblatt es anbot, vor fast dreihundert Jahren.
Diese Serie fragt immer wieder, was Musik über die Menschen hinausträgt, die sie gemacht haben.
Die Antwort von Bonustrack zweiundzwanzig ist ein Drucker mit einer falschen Adresse. Er gab es den Musikern in die Hand, beschriftet für die falschen Instrumente, und sie spielten es weiter.
Immortal — David Garrett für die Deutsche Grammophon — ab 9. Oktober 2026: 20 Stücke in der Standardausgabe, 25 in der Deluxe-Edition, digital, auf CD und Vinyl, bei der Deutschen Grammophon. Ein Stück nach dem anderen gehen wir weiter.
Quellen und Anmerkungen: die Albumangaben, wie Universal Music sie für die Deluxe-Edition aufführt; Instrument, Wortlaut des Autographs und Satz nach der Fachliteratur zu HWV 362 (nach Lasocki und Bergmann) und dem Booklet zu BIS-CD-955; das Roger-Impressum, Walsh und die Titelblätter nach der Fachliteratur zu Händels Solosonaten (nach Terence Best) und dem Vorwort der Henle-Ausgabe der Flötensonaten; Garretts Aufnahmen nach david-garrett.com.