Die Legende der Légende
Stück siebzehn waren dreieinhalb Minuten aus einer Stunde. Stück achtzehn ist das längste auf dem Album.
Die Fakten. Stück achtzehn dauert sechs Minuten und sechsundvierzig Sekunden. Es ist die Légende op. 17 von Henryk Wieniawski. Die Angabe ist dieselbe wie bei Stück siebzehn: Arr. Garrett / Haywood for Violin, Piano, Guitar & Orchestra, mit Julien Quentin, Franck van der Heijden, Orchestra the Prezent und John Haywood am Pult.
Normalerweise dauert das Stück etwa acht Minuten.
Lublin, 1835. Wieniawski kommt mit acht ans Pariser Conservatoire und gewinnt mit elf dessen ersten Preis. Mit dreizehn ist er auf Tournee.
Paganini war 1840 gestorben. Europa suchte den nächsten, und viele meinten, sie hätten ihn gefunden. Stück acht hat den ersten beim Singen ertappt.
Im April 1859 nimmt Anton Rubinstein ihn mit zu einer Londoner Familie, den Hamptons. Sie haben eine Tochter, Isabella.
Die Mutter, Elizabeth, ist die Schwester des Pianisten George Osborne. Sie mag den jungen Polen.
Der Vater nicht. Er schätzt Musiker, aber er wollte einen Schwiegersohn mit Geld im Rücken, und ein reisender Geiger ist das nicht.
In jenem Jahr schreibt Wieniawski ein langsames Stück für Violine und Orchester, in g-Moll. Er nennt es Légende.
Hier ist die Geschichte, die in den Programmheften steht.
Er spielt die Légende für ihre Eltern. Der Vater hört zu, ist gerührt und gibt seinen Segen.
Seine Biografen erzählen es anders. Mr Hampton gab nach, weil Frau und Tochter ihn überredeten. Und er stellte Bedingungen.
Zweihunderttausend Francs.
So hoch war die Lebensversicherung, die Wieniawski abschließen musste. Außerdem sollte er sesshaft werden. 1860 wurde er Solist des Zaren, in Sankt Petersburg. Eine feste Stelle.
Sie heirateten am 8. August 1860 in Paris. Rubinstein soll die Braut zum Altar geführt haben, Rossini soll Trauzeuge gewesen sein und Vieuxtemps soll gespielt haben.
Die Légende ist Isabella gewidmet.
Keine der beiden Versionen ist durch ein Dokument belegt. Wir wissen nicht, welche stimmt. Vielleicht ein bisschen von beiden.
In der Orchesterfassung beginnt sie tief, mit einer Hornmelodie über gezupften Streichern. Die Geige setzt leise ein, mit einem schlichten Gesang.
Der Mittelteil wird schneller, fast ein Marsch, mit Doppelgriffen und Akkorden. Dann kehrt der Anfang zurück, und das Stück endet leise auf einem hohen G.
Die Angabe zu Stück achtzehn nennt eine Gitarre und ein Orchester. Was du hörst, sind eine Geige und ein Klavier: Garrett und Julien Quentin.
So ist die Légende zum ersten Mal in Druck gegangen. Kistner in Leipzig veröffentlichte sie 1861 für Violine und Klavier. Die Orchesterfassung folgte drei Jahre später.
Sie bekamen Kinder. Ihre Tochter Régine wurde Komponistin, unter dem Namen Poldowski.
Sein Herz machte früh nicht mehr mit. In seinen letzten Jahren musste er oft mitten im Konzert abbrechen. Im Februar 1880 nahm Nadeschda von Meck, Tschaikowskys Mäzenin, ihn bei sich auf. Er starb am 31. März in Moskau, mit vierundvierzig Jahren.
Stück fünf war eine Widmung, die nie eine Antwort bekam. Die von Stück achtzehn bekam ein Ja.
Auf Garretts veröffentlichter Repertoireliste steht bei der Légende eine einzige Aufnahme: Immortal.
Diese Serie fragt immer wieder, was Musik über die Menschen hinausträgt, die sie gemacht haben.
Stück sechs war ein Stück, das Kreisler mit dem Namen eines anderen unterschrieb. Stück achtzehn ist seit mehr als hundertsechzig Jahren mit einer Geschichte im Gepäck unterwegs, und die Geschichte stimmt vielleicht nicht ganz.
So oder so, sie haben geheiratet. Und wir haben sechs Minuten und sechsundvierzig Sekunden bekommen.
Immortal — David Garrett für die Deutsche Grammophon — ab 9. Oktober 2026: 20 Stücke in der Standardausgabe, 25 in der Deluxe-Edition, digital, auf CD und Vinyl, bei der Deutschen Grammophon. Ein Stück nach dem anderen gehen wir weiter.
Quellen und Anmerkungen: die Albumangaben, wie sie die Deutsche Grammophon und david-garrett.com drucken; Entstehung, Veröffentlichungsgeschichte, Widmung und Dauer nach dem IMSLP-Werkeintrag und der PWM-Ausgabe; die Musik nach der veröffentlichten Partitur, wie IMSLP und die Fachliteratur sie beschreiben; Wieniawskis frühe Laufbahn nach Britannica und dem Programmheft der Berliner Philharmoniker; die Familie Hampton, die Bedingungen des Vaters und die Hochzeit nach der Wieniawski-Biografie auf wieniawski.com und nach Interlude; die populäre Version der Geschichte nach der Fachliteratur zur Légende; seine letzten Monate und Poldowski nach der Fachliteratur zu Wieniawski; Garretts Aufnahmen nach david-garrett.com. Welche Version der Brautwerbung stimmt, sagen wir nicht, weil niemand das Dokument hat, das es entscheiden würde.