S The Strings SocietyAuf den Saiten geschrieben
Interview

Ein Nachmittag mit Mozart

Beide Eltern spielen Geige. Die Schwester hat Cello gespielt. Er hat sich ans Klavier gesetzt — und mit sechzehn seinen eigenen Vivaldi auf ein Debüt bei der Deutschen Grammophon gelegt.

Wir folgen alle der Deutschen Grammophon. Geben wir es zu, es lässt sich nicht leugnen: der Gotha der klassischen Musik, und die erste Adresse für Melomanen wie uns.

Als mir vor einiger Zeit auf ihrer Seite ein sehr junger, sehr begabter Pianist begegnete, bin ich also hängengeblieben. Und dann habe ich angefangen, ihm zu folgen, zu graben, zu stöbern und vor allem: zuzuhören.

Vielleicht werde ich älter. Was in mir immer stärker wird, ist das Bedürfnis zu glauben, dass die nächste Generation — der Künstler und der Menschen — noch eine Chance hat, sich anders zu zeigen als das, was die sozialen Medien uns zurückspiegeln. Dass es noch Wert gibt, noch Werte, noch den Willen, Musik zu machen, die hinterher nicht zurechtgerückt wird — keine Korrektur, kein Filter, nichts, was in der Nachbearbeitung geglättet wird. Auf eine reinere, rohere Art. Die Art, die einen — aber das bin ich — wirklich erwischt: die inspiriert, die über sich hinausgeht, die verblüfft.

Und genau das habe ich gefunden, als ich mich in Justus Eichhorns Musik vertieft habe. Und noch viel mehr dazu. Seine Geschichte, seine Ausbildung und seine musikalische Reife sind der Beweis.

Also habe ich, wie immer — Sie kennen uns ja inzwischen —, gedacht: einen Versuch ist es wert. Ich habe der Deutschen Grammophon geschrieben und um ein Interview gebeten. Ich habe zwei bekommen. Aber das ist eine Geschichte für später.

Darf ich Ihnen jemanden vorstellen, der meiner Meinung nach ein aufgehender Stern des Klaviers ist. Sein Debütalbum The Source ist jetzt erschienen, und es ist etwas, das Sie wirklich hören wollen.

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Im Hause Eichhorn in Weimar spielen beide Eltern Geige. Die Mutter außerdem Bratsche. Die Schwester hat Cello gespielt. Justus hat sich ans Klavier gesetzt.

Wir mögen dieses Detail mehr, als wir es begründen können. In jeder Musikerfamilie geht jemand seinen eigenen Weg, und meistens ist das eine kleine, leise Entscheidung, die im Moment selbst niemand aufschreibt.

Mit drei fing er an zu improvisieren, mit sechs begann der Unterricht, mit neun wurde er an der Hochschule für Musik Franz Liszt in seiner eigenen Stadt bei Grigory Gruzman aufgenommen, wo er immer noch ist — neben der Schule am Musikgymnasium Schloss Belvedere und einer kurzen Zeit bei Matti Raekallio an der Juilliard School. Zehn war er bei seinem ersten Konzert, dem Haydn in D. Dreizehn, als er Beethovens Zweites in der Tonhalle Zürich spielte. Vierzehn, als er das Dritte im Seoul Arts Center spielte. Zweimal war er an der Académie des Verbier Festivals.

Er dirigiert. Er komponiert. Er ist jetzt sechzehn, und am 11. September hat die Deutsche Grammophon seine erste Platte veröffentlicht.

Justus Eichhorn
Photograph © Deutsche Grammophon

Wir sind mit einer These zu ihm gekommen, und die These war fast richtig.

Die Platte heißt The Source, und die Quelle ist Weimar: ein Programm aus den Komponisten, die diese Stadt gehalten hat. Bach war ab 1708 dort, und in einem bestimmten Zeitraum zwischen den Sommern 1713 und 1714 saß er über einem Stapel Vivaldi-Konzerte — Musik, die für Streicher geschrieben war — und machte daraus Musik für ein Tasteninstrument. Nicht aus Ehrfurcht. Um herauszufinden, wie sie gebaut war.

Dreihundertzwölf Jahre später legt ein Sechzehnjähriger in derselben Stadt seine eigene Vivaldi-Bearbeitung auf sein erstes Album. Also sind wir zu einem Pianisten gegangen, und wir geben zu, dass wir ziemlich zufrieden mit unserer Idee waren.

Die These hielt. Sie war auch nebensächlich, und es brauchte einen einzigen Satz von ihm, um uns zu zeigen, warum. Er ist nicht über Bach zur Streichermusik gekommen. Er ist über das Zimmer dahin gekommen, in dem er aufgewachsen ist.

Wir haben elf Fragen geschickt. Er hat alle genommen, auf Deutsch, schriftlich, und er hat sie ernst genommen — was ein Sechzehnjähriger mit einem frischen Album niemandem schuldet. In einer davon haben wir einen ganzen Absatz damit verbracht zu erklären, dass ein Klavier einen Ton nicht so halten kann wie ein Bogen, und ihn gefragt, was er dagegen tut. Er hat geantwortet, dass er im Stillen singt, während seine Hände sich bewegen. Über diesen Satz haben wir seither viel nachgedacht.

Hier ist das Ganze.

Weimar

The Strings SocietyIhr Album heißt The Source, und die Quelle ist die Stadt, in der Sie geboren sind. Im Sommer 1713 saß in derselben Stadt Bach über einem Stapel Vivaldi-Konzerte und machte daraus Tastenmusik — nicht aus Ehrfurcht, sondern, so scheint es, um herauszufinden, wie der Mann gebaut hat. Auf Ihrem Album steht Ihre eigene Vivaldi-Bearbeitung. Wenn Sie Vivaldi bearbeiten: übersetzen Sie ihn, oder nehmen Sie ihn auseinander?

Justus EichhornIch würde sagen, dass ich Vivaldi eher übersetze. Die wunderschöne Melodie des Largos aus dem Flautino Concerto RV 443 hat mich so fasziniert, dass ich sie unbedingt auf dem Klavier spielen wollte.

The Source — Justus Eichhorn
The Source · Deutsche Grammophon, 11. September 2026

The Strings SocietyDer Largo, den Sie sich vorgenommen haben, ist eine singende Linie über Streichern — geschrieben für ein Instrument, das einen Ton halten und ihn danach noch größer machen kann. Ein Klavier hat, sobald der Ton da ist, nur noch eine Richtung: weg. Das ist ein Nachteil, mit dem Pianisten so selbstverständlich leben, dass sie ihn kaum noch benennen. Was tun Sie mit Ihren Händen in dem Moment, in dem die Musik einen Bogen will — oder einen Atem?

Justus EichhornIch liebe den Glockenklang eines Klaviers und versuche gleichzeitig, auf dem Klavier zu singen. Die Hände bewegen sich eher unbewusst, innerlich verbinde ich die Töne. Ich singe sozusagen im Stillen mit.

Czerny, und die Bilder

The Strings SocietySie haben über die Czerny-Etüden gesagt, Sie wollten „eine Salonatmosphäre schaffen und die turbulenten Etüden in etwas Meditativeres verwandeln". Czerny ist für die meisten Menschen, die je Klavierunterricht hatten, kein Komponist, sondern eine Strafe. Was haben Sie in diesen Stücken gehört, das Sie glauben ließ, es käme etwas zum Vorschein, wenn man sie langsamer macht?

Justus EichhornDie Czerny-Etüden sind unglaublich virtuos, brillant und spritzig. Ich finde, sie eignen sich auch sehr gut für Konzerte, zum Beispiel als Zugaben. Neben all dieser Brillanz wollte ich ausprobieren, wie sie klingen, wenn ich mich ihnen von einer ganz anderen Seite nähere: langsam und verinnerlicht. Ich war erstaunt, dass durch dieses Arrangement sehr meditative und sphärische Stücke entstanden sind.

The Strings SocietyÜber Ihr Komponieren sagen Sie: „Ich beginne mit Bildern vor meinem inneren Auge und übersetze ihre Stimmung und ihre Bewegung in Klang." Nehmen Sie eines der drei neuen Stücke auf dem Album und beschreiben Sie uns das Bild. Nicht die Stimmung — das Bild. Und dann: was daraus als erstes Klang geworden ist.

Justus EichhornBei meinem Stück Silent Fields habe ich mir zum Beispiel ein Kornfeld vorgestellt, über das sanft der Wind weht. Daraus sind die Sechzehntelfiguren entstanden, die für mich die sich bewegenden Ähren darstellen. Bei Aurelian hatte ich etwas Goldenes, Glänzendes vor Augen, vielleicht etwas von der Sonne Beschienenes.

Justus Eichhorn
Photograph © Deutsche Grammophon
Schreiben, dirigieren, zuhören

The Strings SocietyNeben dem Klavierspielen komponieren Sie auch. Das Klavier ist das Instrument, das Sie in den Händen haben; für alles andere müsste man sich vorstellen, wie es sich anfühlt, es zu spielen. Wenn Sie sich vorstellen, für etwas anderes als Klavier zu schreiben — zu welchem Instrument geht Ihr Ohr als erstes, und warum ausgerechnet zu dem?

Justus EichhornVielleicht möchte ich einmal etwas für Streicher schreiben oder für Klavier und Streicher. Den Klang von Streichinstrumenten kenne und liebe ich seit meiner frühesten Kindheit. Meine Eltern spielen beide Geige, meine Mutter auch Bratsche, und meine Schwester hat Cello gespielt.

The Strings SocietySie lernen auch dirigieren. Ein Pianist entscheidet allein, wann ein Ton anfängt; vor einer Streichergruppe ist der Anfang eines Tons eine Verhandlung mit fünfzehn Leuten, die alle einen Bogen ansetzen müssen. Was haben Sie durchs Dirigieren — oder durchs Spielen mit einem Kammerorchester — über Zeit gelernt, das Ihnen am Klavier allein niemand hätte beibringen können?

Justus EichhornMan lernt beim Dirigieren vor allem viel durch Zuhören. Auch am Klavier als Harmonieinstrument habe ich natürlich viele Stimmen, aber die erzeuge ich alle selbst. Bei einem Orchester ist das noch einmal etwas ganz anderes: Hier gilt es, viele Stimmen, musikalische Ausdrucksweisen und Persönlichkeiten zusammenzubringen. Das finde ich spannend, und auch der soziale Aspekt ist sehr lehrreich. Bei Klavierkonzerten mit Orchester hilft mir diese Erfahrung auch als Pianist. Es geht darum, Musik gemeinsam entstehen zu lassen und das macht mir große Freude.

The Strings SocietySie spielen den Mephisto-Walzer und Liebestraum Nr. 3, und Liszt hat in Ihrer Stadt gelebt. In seinen Weimarer Jahren hatte er einen Konzertmeister, der siebzehn war, als er anfing: Joseph Joachim. Ändert es etwas an Ihrem Liszt, dass Sie durch dieselben Straßen laufen? Oder ist das eine Geschichte, die Ihnen andere erzählen, und die Sie selbst beim Spielen gar nicht spüren?

Justus EichhornDoch, ich finde es absolut faszinierend, mir vorzustellen, dass Liszt hier in Weimar durch die Straßen spazierte. In seinem Haus stehen noch originale Möbel und seine Klaviere. Neulich durfte ich auf seinem Flügel spielen. Da hatte ich schon das Gefühl, dass sein Geist irgendwie noch da ist. Das finde ich sehr inspirierend. Das Haus, in dem Johann Sebastian Bach in Weimar gelebt hat, gibt es leider nicht mehr. Demnächst spiele ich in Wien im Ehrbar Saal, in dem auch Brahms und Mahler musiziert haben. Solche musikgeschichtlichen Verbindungen interessieren mich sehr.

Das Instrument, und was danach kommt

The Strings SocietyWir schreiben sonst über Menschen, die ein einziges Instrument ein Leben lang behalten und es irgendwann besser kennen als ihre eigene Handschrift. Sie treffen in jedem Saal ein neues. Was ist das Erste, was Sie mit einem Flügel machen, den Sie nicht kennen? Und gab es einen, mit dem Sie sich bis zum Schluss nicht einig geworden sind?

Justus EichhornSchon nach den ersten Tönen spürt man, wie ein Flügel reagiert und welche Eigenschaften er hat. Ich probiere verschiedene Stellen aus meinem Programm aus und erkunde dabei möglichst viele Klangfarben, von ganz leise bis sehr laut. Dann versuche ich, mich auf das Instrument einzustellen. Grundsätzlich finde ich es an unserem Instrument auch spannend, immer wieder einen neuen Flügel vorzufinden und mit diesem in eine Art Dialog zu treten. Natürlich gibt es auch Instrumente, mit denen man weniger glücklich ist.

The Strings SocietySie zeigen sehr viel von der Arbeit selbst, nicht nur vom Ergebnis — und es sehen sehr viele Leute zu. Gibt es etwas, das Sie nicht üben, solange die Kamera läuft? Und wenn ja: was ist es an dieser Art von Arbeit, die man niemanden sehen lassen möchte?

Justus EichhornMeine tägliche Übe-Routine beginnt mit vielen Tonleitern, Arpeggien, Akkorden, Oktaven usw. Das wäre vermutlich nicht besonders interessant anzuschauen. Ähnlich ist es, wenn ich eine bestimmte Stelle immer wieder übe – in verschiedenen Rhythmen und Tempi.

The Strings SocietyAlle fragen Sie, wie es ist, mit sechzehn dort zu sein, wo Sie sind. Wir fragen lieber andersherum. Welches Stück ist Ihnen im Moment noch zu groß — und was, glauben Sie, muss passieren, bevor es das nicht mehr ist?

Justus EichhornIch glaube schon, dass es sinnvoll ist, bei der Auswahl der Stücke eine gewisse Reihenfolge einzuhalten. Viele Werke bereiten auf die nächsten vor. Bei Beethovens Klavierkonzerten, die einen Schwerpunkt bisher bilden, habe ich zum Beispiel ganz bewusst mit dem Vierten gewartet, bis ich die anderen gespielt hatte. Jetzt freue ich mich umso mehr darauf. Später möchte ich das erste Brahms Konzert spielen und dann irgendwann mal das Zweite.

The Strings SocietyUnd zuletzt eine, die nicht mitzählt: Mit wem sollten wir als Nächstes sprechen, und was sollten wir ihn oder sie fragen?

Justus EichhornWenn Sie allmächtig wären, würde ich Sie am liebsten bitten, Mozart zu fragen, ob ich ihn treffen dürfte. Ich hätte so viele Fragen an ihn und würde sehr gern einen Nachmittag mit ihm verbringen!

Justus Eichhorn
Photograph © Deutsche Grammophon
Danach

Wir haben ihn gebeten, die nächste Person zu nennen, die wir interviewen sollten. Er hat Mozart genannt.

Er macht keinen Scherz, und es ist nicht die einzige Stelle, an der er das tut. Liszts Geist ist noch im Haus, in den Möbeln, in dem Flügel, auf dem er spielen durfte. Bachs Haus in Weimar gibt es nicht mehr, und in der Art, wie er das erwähnt, liegt etwas. Brahms und Mahler haben in einem Saal in Wien musiziert, und er geht demnächst hin. Eine Melodie von Vivaldi hat ihn so fasziniert, dass er sie unbedingt spielen musste.

Er hat uns um einen Nachmittag mit Mozart gebeten. Wir hätten ihm diesen Nachmittag sehr gern geschenkt. Alles, was wir tun können, ist, die Frage zu veröffentlichen — und zu hoffen, dass jemand mitliest, der mehr Macht hat als wir, und sie ihm erfüllen kann.

Wir würden danach selbstverständlich noch einmal auf ihn zukommen. Und ihn fragen, wie es war.

The Source ist bei der Deutschen Grammophon erschienen. Kaufen Sie es, oder hören Sie es auf jeder Plattform — es lohnt sich wirklich.

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Unser herzlicher Dank geht an die Deutsche Grammophon — an Ariel und an das ganze Team — für die Gelegenheit und für die Sorgfalt, mit der sie sie begleitet haben. Und danke dir, Justus, für elf Antworten in deinen eigenen Worten.

Justus Eichhorn wurde 2009 in Weimar geboren und begann mit drei Jahren zu improvisieren. Seit seinem neunten Lebensjahr studiert er bei Grigory Gruzman an der Hochschule für Musik Franz Liszt, neben dem Musikgymnasium Schloss Belvedere; eine kurze Zeit verbrachte er bei Matti Raekallio an der Juilliard School. Mit zehn debütierte er mit Orchester in Haydns D-Dur-Konzert, mit dreizehn spielte er Beethovens Zweites in der Tonhalle Zürich und mit vierzehn das Dritte im Seoul Arts Center; zweimal war er an der Académie des Verbier Festivals. Er dirigiert und komponiert. The Source, sein Debüt bei der Deutschen Grammophon, erschien am 11. September 2026.
Das Interview wurde im September 2026 schriftlich auf Deutsch geführt und mit seiner Zustimmung veröffentlicht.
Fotografien © Deutsche Grammophon.
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