S The Strings SocietyAuf den Saiten geschrieben
Immortal · One Track at a Time · No. 12

Der Mann, der aufhören musste

Das zwölfte Stück unseres langsamen Gangs durch Immortal. Ein Stück, das gebaut ist, um nie anzuhalten, geschrieben von einem Geiger, den sein Herz zum Aufhören zwang — und drei Minuten Bewegung, die alles andere überlebt haben, was er schrieb.
Stück 12 — Nováčeks Perpetuum mobile op. 5 Nr. 4: die knappste Angabe des Albums, ein Name, der seinen Haken verloren hat, und das Stück, vor dem Garrett als Junge nicht schlafen konnte
Immortal · One Track at a TimeNo. 12Perpetuum mobileOttokar Nováček
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Stück elf war der sanfteste Schritt der ganzen Platte, ein Lied, das ans Atmen dachte. Es endete mit einem Fingerzeig auf das, was danach kommt.

Stück zwölf atmet nicht. Es ist Perpetuum mobile, „ewige Bewegung“, die Single des Albums, und von der ersten bis zur letzten Note hört die Geige nie auf, sich zu bewegen.

Zuerst die Fakten. Stück zwölf dauert zwei Minuten und siebenundfünfzig Sekunden, nur sieben Sekunden länger als der sanfte Mendelssohn davor, und es fühlt sich halb so lang an. Es steht in d-Moll, überschrieben Vivace non troppo, „lebhaft, aber nicht zu sehr“, was vielleicht die am wenigsten befolgte Tempoangabe im ganzen Geigenrepertoire ist. Und geschrieben hat es ein Mann, den kaum jemand erkennen würde: Ottokar Nováček.

♪  Ein Name mit Haken

Schau dir zuerst die Angabe an, denn auf diesem Album beginnt dort meistens die Geschichte, und diesmal sagt dir die Angabe fast gar nichts.

Garretts eigene Seite gibt die vollständigste Fassung: PERPETUUM MOBILE / from 8 Concert Caprices, Op. 5: No. 4, Ottokar Novácek, 1866 – 1900. Es ist ein Stück aus einer Sammlung von acht, das vierte, für Violine und Klavier. Der Shop der Deutschen Grammophon, der für Mendelssohn in Stück elf eine komplette Werkverzeichnisnummer druckte, gibt diesem hier drei Wörter: Nováček: Perpetuum mobile. Keine Opuszahl, keine Tonart, keine Sammlung. Es ist die knappste Angabe auf dem ganzen Album, für sein bekanntestes Stück.

Und schau dir den Namen auf Garretts Seite genau an. Er steht dort als Novácek, mit einem Akut auf dem a und nichts auf dem c. Das kleine Zeichen, das dort hingehört, das aus dem c ein „tsch“ macht, fehlt.

Auf Tschechisch heißt dieses Zeichen Háček. Das Wort bedeutet „Häkchen“. Auf der Seite des Mannes, der dieses Stück wieder berühmt gemacht hat, hat der Name des Komponisten also seinen Haken verloren, und mit ihm den einen Buchstaben, der dir verrät, dass die Familie tschechisch war. Eine Kleinigkeit. Aber genau so etwas passiert einem Komponisten, an den man sich wegen eines einzigen Stücks erinnert: Das Stück reist, und der Name nutzt sich unterwegs ein wenig ab.

Die Jahreszahlen in dieser Angabe erzählen den Rest, wenn du die Subtraktion machst. 1866 – 1900.

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Ottokar Nováček wurde 1866 in Weißkirchen im Banat geboren, dem heutigen Bela Crkva in Serbien: ein österreichisch-ungarischer Geiger tschechischer Herkunft. Sein Vater, Martin Nováček, stammte aus Horažďovice in Böhmen und war auch sein erster Lehrer. Als Jugendlicher studierte Ottokar in Wien bei Jakob Dont, dessen Violinstudien bis heute auf den Notenpulten liegen, und dann in Leipzig, wo er den Mendelssohn-Preis gewann.

Er war ein arbeitender Geiger, kein Star. In Leipzig spielte er im Gewandhausorchester, und er war der Gründungs-Sekundgeiger von Adolph Brodskys Streichquartett und später dessen Bratscher. Dann Amerika: das Boston Symphony Orchestra und die Solobratsche im Orchester von Walter Damrosch in New York. Den größten Teil seiner Laufbahn verbrachte er in der Mitte des Satzes, bei den Mittelstimmen, die die Harmonie zusammenhalten und die das Publikum kaum bemerkt.

Er komponierte auch, und 1895 brachte der Leipziger Verlag C. F. Peters sein Perpetuum mobile in zwei Fassungen heraus: eine für Violine und Klavier und eine für Violine und großes Orchester, die Nováček selbst instrumentiert hatte, bis hin zu Harfe, Triangel und Glockenspiel.

Dann, 1899, zwang ihn sein Herz, so die meisten Quellen, mit dem Spielen aufzuhören. Er war Anfang dreißig. Für die Zeit, die ihm blieb, wandte er sich dem Komponieren zu, und es war nicht viel. Ottokar Nováček starb am 3. Februar 1900 in New York. Er war dreiunddreißig.

Das Stück, das nie anhält, schrieb ein Mann, der aufhören musste.

Er hinterließ ein Klavierkonzert, das Busoni gewidmet ist, Streichquartette, Lieder auf Texte von Tolstoi. Du müsstest lange suchen, um eines davon auf einem Konzertprogramm zu finden. Was ihn überlebt hat, sind drei Minuten Bewegung, und man hat nie aufgehört, sie zu spielen. Nathan Milstein hat es aufgenommen, ebenso Yehudi Menuhin und Itzhak Perlman. Geiger haben es immer als ein Stück behandelt, durch das man mindestens einmal hindurchmuss.

♪  Vollgas

Die meisten Geiger begegnen diesem Stück früh. Es gehört zu den Initiationsriten im Leben eines jungen Musikers: ein Sturzbach gleichmäßiger, schneller Noten, nur Bogen und kein Atem, bei dem jede Unkonzentriertheit sofort zu hören ist.

David Garrett begegnete ihm als Junge. In einem kurzen Track by Track-Video zum Album erinnert er sich so:

„Das ist ein Stück, vor dem ich, als ich es zum ersten Mal gespielt habe, als Kind, wahrscheinlich nicht gut geschlafen habe. Ich erinnere mich, dass ich es im Klassenabend von Zakhar Bron gespielt habe. Eines dieser Stücke, die man wirklich üben muss, denn es ist so schnell, dass es, wenn man nicht übt, ein Chaos wird.“

Dann nimmt er die Geige, spielt ein paar Sekunden vom Anfang und bremst sich selbst: Den Rest, sagt er, seht ihr auf der Bühne. Seine Beschreibung ist so kurz, wie das Stück schnell ist: „ungefähr drei Minuten, volle Geschwindigkeit, Vollgas“, Spaß für das Publikum „und auch für mich, wenn ich einen guten Abend habe“.

Dieser letzte Halbsatz ist das Ehrlichste, was ein Geiger über diese Musik sagen kann. Es gibt keine langsamen Takte, in denen man sich erholen könnte. Zwischen einem guten und einem schlechten Abend liegt ein einziger verpatzter Lagenwechsel bei voller Geschwindigkeit.

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Vier Stücke lang hat diese Serie zugesehen, wie Garrett das berühmteste Violinstück eines Komponisten ausließ, weil er es schon aufgenommen hatte. In Stück acht war es Paganini, in neun Massenet, in zehn Brahms, in elf Mendelssohn.

Stück zwölf bricht das Muster. Hier ist das berühmte Stück die Wahl. Soweit wir herausfinden konnten, hat Garrett Nováčeks Perpetuum mobile noch nie auf einer Platte veröffentlicht, und es ist das Stück, mit dem das ganze Album vorgestellt wurde, mit einem eigenen Musikvideo.

Es ist auch, seltsam genug, eine Rückkehr zum Original. Die Angabe auf Garretts Seite lautet from 8 Concert Caprices, Op. 5, also die Fassung für Violine und Klavier. Die Aufnahme aber ist Arr. Garrett / van der Heijden for Violin, Piano, Guitar & Orchestra: Julien Quentin am Klavier, Franck van der Heijden an der Gitarre, Orchestra the Prezent unter John Haywood. Nach Haywoods Einsatz als Mitbearbeiter in Stück elf steht wieder van der Heijden neben Garrett. Und ein Perpetuum mobile mit einem Orchester hinter der Geige ist genau das, was Nováček 1895 selbst veröffentlicht hat. Die Angabe verweist auf die kleine Fassung. Die Aufnahme, samt Klavier, klingt näher an der großen, die der Komponist instrumentiert hat.

Und es steht nicht zufällig an dieser Stelle. Setz den ruhigsten Schritt der Platte vor ein Stück, das nie geht, und jedes lässt das andere noch mehr nach sich selbst klingen.

Diese Serie stellt immer wieder eine einzige Frage: Was trägt Musik wirklich über die Menschen hinaus, die sie gemacht haben?

Die Antwort von Stück neun war, dass es der Unsterblichkeit egal ist, wie du sie nennst. Die von Stück zehn, dass sie die Urheberschaft verteilt, ob du willst oder nicht. Die von Stück elf, dass sie deiner Musik einen Namen geben kann, den du ihr nie gegeben hast.

Die Antwort von Stück zwölf ist die schlichteste bisher. Manchmal überlebt die Musik einfach den Körper, der sie gemacht hat. Nováčeks Herz hielt ihn Anfang dreißig an. Die Noten, die er aufschrieb, waren dafür gebaut, nie anzuhalten: Ein Jahrhundert später raubten sie einem Jungen in Zakhar Brons Klasse den Schlaf, und 2026 wählte der erwachsene Mann sie als das Erste, was die Welt von seinem neuen Album hören sollte.

Der Mann hielt an. Die Bewegung nicht.

Wenn also in Stück zwölf die Noten zu strömen beginnen, dann ist das ein Mann, der sein Leben in der Mitte des Quartetts verbracht hat und drei Minuten bekommt, in denen niemand sonst zu Wort kommt. Unterwegs hat er den Haken an seinem Namen verloren. Die Bewegung läuft noch immer.

Immortal — David Garrett für Deutsche Grammophon — erscheint am 9. Oktober 2026: 20 Stücke in der Standardausgabe, 25 in der Deluxe-Edition, digital, auf CD und Vinyl, mit Vorbestellungen ab sofort bei Deutsche Grammophon. Ein Stück nach dem anderen zählen wir das Album ein.

Quellen und Anmerkungen: die Albumangabe, wie david-garrett.com, der Katalog der Deutschen Grammophon und der DG-Shop sie drucken (geprüft am 24. September 2026; Garretts Seite schreibt „Novácek“); Nováčeks Leben — die tschechische Familie, das Studium bei Jakob Dont, das Gewandhausorchester, das Brodsky-Quartett, Boston und New York, das Herzleiden, das 1899 seine Laufbahn als Geiger beendete, und sein Tod am 3. Februar 1900 — nach den einschlägigen Biografien; die Ausgaben von C. F. Peters von 1895 für Violine und Klavier sowie für Violine und Orchester nach IMSLP; David Garretts Worte aus seinem Track by Track-Video zu Immortal (Deutsche Grammophon), aus dem Englischen übersetzt; die Aufnahmen von Nathan Milstein (mit Ernest Lush), Yehudi Menuhin und Itzhak Perlman (mit Samuel Sanders). Ein Entstehungsjahr nennen wir nicht: 1895 ist das Jahr, in dem das Stück erschien.

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